EDWIN SCHARFF | Ehrenmal, 1931/32

Eine Botschaft von Johannes Stahl, Kurator

Eine Botschaft von Johannes Stahl, Kurator 

Drei Denkanstöße am Donauufer

Zwischen Ulm und Neu-Ulm befindet sich eine kleine Donauinsel, welche den Strom dort in die große und die kleine Donau unterteilt. Heute ist die Donau stark angeschwollen und über die Ufer getreten. Es hat heftige Regengüsse gegeben. Selbst die Nutrias und die Schwäne, die üblicherweise in der stillen „kleinen Donau“ gerne unterwegs sind, tun sich mit der entstandenen  reißende Strömung schwer. Zahlreiche Menschen sind gekommen, um diese für sie im Grunde unbegreifliche Natur-Entwicklung wahrzunehmen. Für sie bedeutet das: Fotografieren.

Für die Insel hat der aus Neu-Ulm stammende Künstler Edwin Scharff 1931 ein Mahnmal geschaffen. Ausgeschrieben war es eigentlich als Kriegerdenkmal. Dann aber hat der Bildhauer nicht etwa Krieger dargestellt, sondern ausschließlich Menschen, die Opfer des Krieges sind und unter ihm leiden. Auf den vier Seiten des Pfeilers sind die trauernde Witwe zu sehen, die Mutter mit Kind, der Vater, der seinen Sohn daran hindert eine Waffe zu erheben und der alte vergreiste Fischer. Das Denkmal besteht aus Steinen, die vorher zu den Festungsanlagen der Reichsfestung Ulm gehörten. Auch in dieser Hinsicht könnte man von einer Konversion sprechen. Auf grausame Weise hat dieses Mahnmal wieder an Aktualität gewonnen. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt. Viele Menschen haben jetzt große Probleme sich zu positionieren mit ihren Einschätzungen, Haltungen und Handlungen. Heute aber weist das Hochwasser darauf hin, dass es  seit längerem auch eine ganze Reihe anderer Probleme gibt, um die man sich kümmern muss. Immerhin ist der Klimawandel menschengemacht. Die Starkwetter-Ereignisse hängen damit eng zusammen.

Gegenüber, am Ulmer Ufer befindet sich seit einigen Jahren ein Denkmal für den wagemutigen Schneider von Ulm. Im Grunde hatte dieser wagemutige Flugpionier Pech. Seine Berechnungen, dass ein Mensch von einem höheren Standpunkt mit Flügeln ausgestattet eine Weile fliegen könnte: sie waren im Grunde genommen nicht falsch. Aber man braucht dafür eine gewisse Thermik. Ivo Weber, eine in solchen Fragen oftmals zuverlässige Quelle, hat mir gesagt, dass es über einem Wasser üblicherweise keine Thermik gibt und dass der arme Schneider von Ulm höchstwahrscheinlich vor allem daran gescheitert ist dass er – trotz des eigenen unguten Gefühls dabei – aus repräsentativen Gründen seinen Ausgangspunkt so dicht an der Donau wählen sollte. Auch diese Skulptur mit ihrem spiralförmigen Treppenaufgang, der sich im Chaos unzugänglicher Stufen verliert: man  kann ihn wie ein Mahnmal sehen. Nun bin ich normalerweise nicht geneigt eine Skulptur derart eingrenzen und auf einen einzigen Inhalt hin zu betrachten. Aber die heutige Technologie des Fliegens beschäftigt mich schon sehr lange, genauer gesagt: ihre selbstverständlich wirkende Integration in den Alltag so viele Menschen; und der ökologische Tribut, den wir dafür zahlen müssen. Der unterhalb dieses Kunstwerks verlaufende Radweg jedenfalls ist wegen des Hochwassers gesperrt; Ivo Weber wird zunächst seine langsame Eselwanderung an der Donau entlang nicht fortsetzen können.

Es ist nicht ganz so still am Donauufer. Von Zeit zu Zeit hört man ein möglicherweise irgendwo vergessenes Alarmsignal eines untergegangenen Ursprungs, welches seit vielen Stunden vergeblich wegen des Hochwassers warnt und sich dabei mit dem ansonsten beruhigenden, heute aber latent bedrohlichen Geräusch des dahin fließenden Wassers mischt.