Jakob Wilhelm Fehrle | Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs

Eine Botschaft von Joe Halbekann, Archivar, Esslingen

Eine Botschaft von Joe Halbekann, Archivar, Esslingen

Jakob Wilhelm  Fehrle | Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs von

Standort
Esslingen am Neckar, Rathausplatz

Kann heute noch eine Botschaft von einem „Kriegerdenkmal“ ausgehen?
Ich denke ja.

Die Kreisstadt Esslingen am Neckar hatte im Ersten Weltkrieg (1914-1918) beinahe 1400 gefallene Soldaten zu beklagen. Fast jede Familie war betroffen. Der Krieg war verloren, militaristisch-nationalistische Kreise propagierten die „Dolchstoßlegende“ von einer scheinbar unbesiegten deutschen Armee. Die junge Demokratie der Weimarer Republik sah sich unvorstellbaren Herausforderungen ausgesetzt: politischer Systemwechsel, materielle Not, permanente Angriffe von Seiten der Feinde der Republik von links und rechts.

Wenig kann Gesellschaften mehr versöhnen als die gemeinsame Trauer um die Toten. Entsprechend – ein Blick auf Frankreich oder Großbritannien zeigt dies – war das Gedenken an die Gefallenen dieses ersten Vernichtungskrieges der Neuzeit von ungeheurer Wichtigkeit für die traumatisierten Gesellschaften. Während auch in Deutschland im ländlichen Raum, in Vereinen oder Institutionen ab 1920 Gefallenendenkmale entstanden, waren die Meinungsbildungsprozesse in den größeren, heterogeneren Städten komplexer. Auch in Esslingen scheiterten die ersten Versuche, ein zentrales „Kriegerdenkmal“ zu aufzustellen, am mangelnden politischen Konsens (und an der Inflation). Erst 1930 genehmigte der Gemeinderat der politisch polarisierten Industriestadt am mittleren Neckar auf Initiative des neuen Oberbürgermeisters Dr. Ingo Lang von Langen ein zentrales Denkmal.

Der in Schwäbisch Gmünd ansässige Bildhauer Jakob Wilhelm Fehrle (1884-1974) wurde beauftragt, den bereits im Mittelalter errichteten Marktbrunnen auf dem Esslinger Rathausplatz in ein Gefallenendenkmal umzugestalten. Fehrle löste die komplexe Aufgabe auf Esslingens repräsentativstem Platz zwischen Altem und neuem Rathaus souverän (insofern ist unstrittig, dass das Monument auch ein Kunstwerk im öffentlichen Raum ist!): Er schuf eine neue zentrale Säule in Form eines Obelisken, bekrönte sie mit einem Adler aus Bronze (das Wappentier Esslingens), schmückte die Säule mit vier Reliefs und verkleidete den Brunnenrand mit Bronzetafel, auf denen die Namen aller Kriegstoten verzeichnet sind. Im November 1931 wurde das Denkmal unter größter Anteilnahme der Bevölkerung eingeweiht – und es berührt heute angenehm, dass die Rede des Oberbürgermeisters frei von revanchistischen Tönen war und stattdessen die legitime Trauer um die Verstorbenen artikulierte.

Obwohl (vielleicht auch: gerade weil) dem Denkmal im Januar 1947 die Fehrlenschen Reliefs genommen wurden (sie wurden als militaristisch eingestuft) ist es für mich heute ein gelungenes Beispiel einer unpathetischen, beinahe „stillen“, aber umso eindrücklicheren Erinnerung nicht nur an die individuellen Schicksale so vieler Gestorbener und die Tiefpunkte deutscher Geschichte, sondern auch an die Schrecken des Krieges – keine gering zu schätzende Botschaft in Zeiten, in den die deutsche Kriegstüchtigkeit wieder diskutiert wird.