Uschi Huber, Boris Sieverts | Langer Tisch | 2017

Eine Botschaft von Tobias Becker, Künstler, Köln

Eine Botschaft von Tobias Becker, Künstler, Köln

Uschi Huber, Boris Sieverts
Langer Tisch | 2017

Standort
Sachsenring, Köln

Der „lange Tisch“ flankiert von zwei ebenso langen Bänken wurde nach seiner Installation 2017 von der umliegenden Stadtbevölkerung schnell angenommen. Denn er ist praktisch, gut gelegen und vor allem eben: lang. Das heißt, es gibt sehr viel Platz an diesem Tisch. Durch seine Länge läd er alle Bürger*innen ein, sich hinzusetzen, das Lunch-Paket auszupacken und gewissermaßen an einem Spiel teilzunehmen; es ist ein Spiel mit Räumen – oder politischer formuliert, eine Verhandlung von Räumen. Es treffen sich dort verschiedenste gesellschaftliche Gruppen: Schulklassen, Heavy Metal-Kumpels, Familien und Paare jeden Alters. Alle sitzen sie dort und bilden ihre eigenen sozialen Räume, die aber in einer Beziehung zueinander stehen, die sich überschneiden, die aufeinander zukommen, die sich abgrenzen – kurz: die sich arrangieren (müssen). Mit dem Tisch verbindet die Gruppen ein statisches Element, das sie nicht nur dynamisch eingefasst, sondern diese Dynamik zwischen ihnen überhaupt erst erzeugt.

Diese spannungsreiche Bedingtheit von Statik und Dynamik kann im übertragenen Sinne als Grundkonstitution unserer Demokratie gelesen werden. Kaum etwas steht so für die Gemeinschaft wie der Tisch, an dem man zusammenkommt. Der Tisch ist der Nenner, er bildet die gemeinschaftlichen Vereinbarungen ab, auf die sich alle einigen können, um die Diskussion zu eröffnen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Gleichzeitig stehen Demokratien weltweit unter erheblichem Druck. Aber es sind nicht die hitzigen Debatten, die an ihren Tischen geführt werden und die Gesellschaften ins Wanken bringen, es wird versucht, die gemeinsamen Nenner zu eliminieren, ihnen wird – bildlich gesprochen – versucht, die Tischbeine abzusägen…

 

Uschi Hubers und Boris Sieverts‘ „Langer Tisch“, konzipiert und umgesetzt im Rahmen der Initiative Stadt-OASEN, ist eine Setzung im Stadtraum, die auf den ersten Blick etwas profan wirkt. Ein Tisch eben. Aber es ist gerade seine Profanität, die das Gespräch eröffnet. Es beginnt zwischen den Menschen, die an diesem Tisch sitzen und sich unterhalten – oder eben auch nicht unterhalten. Jeder Zentimeter Annäherung oder Distanznahme auf den langen Bänken hält Gedanken wie den oben beschriebenen bereit; wie funktioniert Gesellschaft, wie überlagert sich an diesem Tisch sitzend der private mit dem öffentlichen Raum, wo verortet man sich als Einzelne*r in diesem Gemenge aus Stadtraum, Tischgemeinschaft und womöglicher sozialer Bubble, die man mit seinen Freund*innen, Partner*innen, Interessensgruppen etc. mitbringt?

Auf eine sehr spielerische Art durchmisst der „Lange Tisch“ (28 Meter!) wie ein überdimensionierter Zollstock die sozialen Bewegungen der Menschen, die sich dort niederlassen, er schafft einen Ort der Begegnung, er eröffnet neue Perspektiven auf den Umraum, inspiriert zu ausschweifenden Gedanken, wird Teil des eigenen Alltags und ist dazu noch als Skulptur ein cooles Ding. Was kann Kunst mehr sein als das?